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Fräulein Pietzsch wartet auf Samstag

Berlin, Freitag der 15.12.2000, 13:21 Uhr.
R. kämpft wie ein Löwe mit den Papierbergen auf seinem Schreibtisch, hämmert auf der bläulich-transparenten Colani-Tastatur, schreit nach dieser dämlichen Kuh von Sekretärin.
Von Montag bis Freitag Zeitschleife:
zwölf Stunden Arbeit, vier Stunden Entspannungsübungen, acht Stunden Schlaf. Diese Anomalie im Raum-Zeit-Kontinuum ist für R. namenlos. Fräulein Pietzsch, die bei weitem nicht soviel Gehalt bekommt wie er, nennt sie Alltag, rennt, begleitet von dem klappernden Geräusch, das ihre Schuhe beim Auftreffen auf das Linoleum verursachen, so schnell ihr Rock es erlaubt vom Kopierer am Ende des Gangs durch das Vorzimmer in das Büro von R.. Demütig blickt sie zu Boden als sie eintritt, den leichten Geruch des teuren Plastikmobiliars wahrnimmt. Sie schwitzt und bestimmt ist ihre Frisur ganz durcheinander. Das mag er nicht, und heute ist R. besonders gereitzt.
"Diese Entwürfe müssen noch heute in die Projektmappe! Halten sie sich ran mit den Vertragskopien und den Faxen an die Anwaltschaft." Er drückt seinen Körper mit mühe aus dem Sessel und ihr einen Umschlag mit Dokumenten vor die Brust. "Und ich brauche dringend einen Kaffe." Sie lächelt während sie kurz nickt, dann klappern ihre Schuhe aus dem Büro. Er schaut ihr nicht nach. An Frauen wie ihr verdient der Beauty-Konzern, für den er diesen Auftrag erledigt, sich eine goldene Nase, aber um sie in Platin zu tauchen braucht er griffigeres Marketing. Deshalb gibt es R.. Anti-Falten-Cremes und Nagel-Dragees für Karrieretypen und Arschlecker gibt es genug, was R. findet sind zündende Ideen, und mit den gut aussehenden PR-Geldern des Konzerns und etwas Glück sind diese dann für den Markt gleichbedeutend mit neuen Bedürfnissen, für ihn mit einer neuen Immobilie und für den Konzern mit einem edlen Körperteil aus Platin und dem günstigen Aufkauf eines Möchtegernkonkurrenten. Buddhismus zum Beispiel ist schwer im kommen. Religiöse Merchandising-Artikel verkaufen sich fast von selbst, die Kirche ist das beste Beispiel. Wenn er es nun schafft...
Fräulein Pietzsch greift nach der Dose mit dem Süßstoff. Der Gedanke daran, es könnte auch Zyankali sein heitert sie auf.
...Buddha in Verbindung mit weiblichem Charme, geistiger Reife und sexueller Energie zu bringen, kaufen ganz andere Frauen mit ganz anderen Gefühlen dieselben Sachen in ganz anderen Verpackungen mit noch höheren Preisen und alle fühlen sich richtig gut dabei. R. der Große, geniale R. - R. der Friedenstifter und Wirtschaftsankurbler. Stürzt den Kaffe von Fräulein Pietzsch (die auf das Wochenende wartet) gierig die Kehle hinunter. Was wäre die Welt ohne ihn, denkt Fräulein Pietsch, und weiter, Gott ich wäre arbeitslos.

13. dezember 2000